
MELA: faire Pullover aus Bio-Baumwolle – eine Reportage
November 1, 2026Ein Bub, zwölf Jahre alt, steigt in Mali in einen Bus. Jemand hat ihm Arbeit versprochen und Geld für die Familie. An der Grenze übernimmt ihn ein anderer Mann und bringt ihn auf eine Kakaofarm in der Côte d’Ivoire, Hunderte Kilometer von zu Hause. Dort arbeitet er von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Sein Essen muss er sich auf der Farm selbst suchen. Als er nach seinem Lohn fragt und heimwill, darf er nicht gehen.
Diese Geschichte ist nicht erfunden. So haben es junge Menschen aus Mali und Burkina Faso erzählt, die nach Jahren auf ivorischen Kakaofarmen zurückgekommen sind.1 Und es ist nicht lange her: Erst 2015 hat die Polizei der Côte d’Ivoire in einem Einsatz mit Interpol 48 Kinder von Plantagen befreit, das jüngste fünf Jahre alt. Viele hatten ohne Lohn und ohne Schule lange Tage gearbeitet.2
Zur EZA-Woche zeigen wir dir, was hinter einer ganz normalen Tafel Schokolade stecken kann. Es ist kein schöner Text. Aber er stimmt, jede Zahl hat eine Quelle.
Kinder, die verkauft werden
Kinderhändler holen Buben und Mädchen aus den armen Nachbarländern Mali, Burkina Faso, Guinea oder Togo. Den Familien wird gute Arbeit versprochen, manchmal wird Geld bezahlt. Bei einem früheren Interpol-Einsatz an der Grenze zu Ghana stellte sich heraus: Die befreiten Kinder waren von Plantagenbesitzern gekauft worden, als billige Arbeitskräfte für die Kakao- und Palmölernte.2
Wie viele Kinder es sind, weiß niemand genau, weil niemand das gern zugibt. Allein für die Côte d’Ivoire haben Forschende für die Jahre 2013 bis 2017 rund 2.000 Kinder in Zwangsarbeit hochgerechnet.3 Hilfsorganisationen schätzen, dass rund 10.000 Kinder im westafrikanischen Kakaoanbau Opfer von Kinderhandel und Sklaverei sind.4
„Mithelfen wie früher bei uns“? Nein.

Die meisten Kinder auf den Kakaofarmen sind nicht verschleppt, sie arbeiten bei ihren eigenen Familien. Das klingt nach dem, was viele von uns von den Bauernhöfen der Großeltern kennen. Mit Mithelfen hat es aber wenig zu tun.
Eine große Studie im Auftrag des US-Arbeitsministeriums hat gezählt:5
- In der Côte d’Ivoire und in Ghana arbeiteten rund 1,56 Millionen Kinder im Kakaoanbau unter Bedingungen, die als Kinderarbeit gelten.
- 1,48 Millionen von ihnen, also fast alle, machten gefährliche Arbeit: Wald roden und Felder abbrennen, mit Macheten Früchte aufschlagen, schwere Säcke schleppen und mit Pestiziden hantieren.
- In Ghana arbeitete mehr als jedes zweite Kind aus einer Kakaobauernfamilie unter gefährlichen Bedingungen.
- Statt weniger wurde es mehr: Der Anteil der Kinder in Kinderarbeit ist in zehn Jahren von 31 % auf 45 % gestiegen.
Schon 2001 hat die Schokoladeindustrie versprochen, die schlimmsten Formen der Kinderarbeit im Kakao zu beenden. Die Fristen sind seither immer wieder verstrichen, zuletzt 2020.5, 6
Gift auf den Feldern

Kakao ist eine empfindliche Pflanze, und in Westafrika wird gegen Schädlinge und Pilze vor allem eines eingesetzt: Chemie. Zwischen 75 und 96 % der Kakaobäuerinnen und -bauern spritzen Pestizide. In der Côte d’Ivoire hat sich der Einsatz in 20 Jahren verzwölffacht.4
Viele der eingesetzten Mittel sind in der EU nicht mehr erlaubt, weil sie Menschen und Umwelt schaden.7 Das wichtigste Insektengift im Kakao ist ein Neonikotinoid, dessen Einsatz im Freien die EU 2018 verboten hat, weil es Bienen tötet.7 Ein anderer Wirkstoff, Chlorpyrifos, ist in der EU seit 2020 verboten, weil er im Verdacht steht, das Erbgut und die Entwicklung des Gehirns von Kindern zu schädigen.8 In einer Kakaogemeinde in Ghana war genau dieser Stoff das Gift, das man am häufigsten im Urin der Menschen gefunden hat.9 Manche dieser Mittel werden in Europa hergestellt und nach Westafrika verkauft, obwohl sie bei uns verboten sind.7
Gespritzt wird ohne Schutz, auch von Kindern

Schutzanzug, Handschuhe, Atemmaske: Das können sich die meisten Bauernfamilien nicht leisten. Gespritzt wird in Alltagskleidung.4 Bauern in Ghana erzählen Forschenden, was danach kommt: tränende und juckende Augen, Kopfweh, Schwindel, Hautausschlag, Husten, Schmerzen in der Brust, Schwäche.10
Und es trifft die Kinder. Knapp jedes vierte Kind, das im Kakao arbeitet, ist gefährlichen Pestiziden ausgesetzt, und dieser Anteil hat sich in zehn Jahren fast verdreifacht.4 Kinder mischen die Spritzbrühe an, tragen die Kanister, gehen beim Spritzen mit oder arbeiten gleich danach in den nassen Bäumen. Die leeren Giftkanister landen im Wald oder werden zu Hause weiterverwendet, dort, wo Kinder spielen.4
Was das Gift mit dem Land macht

Was gespritzt wird, bleibt nicht auf dem Baum. Es sickert in den Boden und fließt in die Bäche, aus denen die Dörfer ihr Wasser holen.4 In einer Untersuchung in Ghana fanden Forschende Pestizide im Trinkwasser, im Boden und in den Kakaobohnen, darunter Stoffe wie Lindan, Aldrin und Dieldrin, die international längst geächtet sind.11
Die Gifte töten auch die Insekten, die den Kakao bestäuben. In Ghana werden Kakaoblüten deshalb inzwischen teils von Hand mit der Pinzette bestäubt.4
Und für den Kakao fällt der Wald: Ghana hat in den letzten Jahrzehnten rund 65 % seines Waldes verloren, die Côte d’Ivoire rund 90 %, der größte Teil davon in den Kakaoregionen.6
Und in unserer Schokolade?
Ein Teil davon kommt bei uns an. Öko-Test hat Ende 2024 21 Zartbitterschokoladen aus dem Handel untersucht. In einigen fand das Labor Rückstände von Pestiziden, in einer Tafel gleich von drei verschiedenen.12 Meist sind das kleine Mengen. Aber jede Spur zeigt, dass auf dem Feld gespritzt wurde, und abbekommen haben es dort die Menschen, nicht die Tafel.
Noch deutlicher ist ein zweiter Satz aus demselben Test: Kein Anbieter im Test konnte Kinderarbeit für seine Schokolade komplett ausschließen.12
Warum das so bleibt: Armut
Hinter all dem steckt ein einfacher Grund: Die Bauernfamilien verdienen zu wenig. Was ihnen zu einem Einkommen fehlt, von dem man leben kann, wurde für den ganzen Kakaosektor auf rund 10 Milliarden US-Dollar im Jahr geschätzt. Die Schokoladeunternehmen schütten ihren Aktionärinnen und Aktionären im Jahr mehr als 10 Milliarden US-Dollar aus.6 Wer zu wenig für seinen Kakao bekommt, kann keine Arbeitskräfte bezahlen, keine Schutzkleidung kaufen und keine Schule für die Kinder.
Viele Konzerne haben Programme gegen Kinderarbeit und für bessere Anbaumethoden. Ein Bündnis von Organisationen aus Anbau- und Verbraucherländern zieht im Kakaobarometer 2025 trotzdem eine bittere Bilanz: viele große Worte, wenige konkrete Zusagen. Nur 12 von 39 bewerteten Unternehmen kaufen so ein, dass die Bauernfamilien davon leben können.6 Ein Lichtblick sind neue Gesetze wie das EU-Lieferkettengesetz, das Unternehmen künftig in die Pflicht nimmt, statt sie nur zu bitten.6
Es geht auch anders: fair und bio

Im Fairen Handel bekommen die Genossenschaften einen garantierten Mindestpreis und eine Prämie, für Bio-Kakao noch eine Bio-Prämie. Über die Prämien entscheiden die Mitglieder gemeinsam, ausbeuterische Kinderarbeit ist ausgeschlossen. Die EZA kann jede Bohne bis zur Genossenschaft zurückverfolgen.13
Und bio heißt: Auf den Feldern werden keine chemisch-synthetischen Pestizide gespritzt. Die Bäuerinnen und Bauern müssen nicht mit gefährlichen Chemikalien hantieren, und der Boden bleibt fruchtbar.13 Viele Partner der EZA bauen ihren Kakao im Mischwald an, zwischen Bananen, Zitrusbäumen und Yuca statt in Monokultur.14
Wer die Menschen hinter dieser Schokolade sind, erzählen wir in unserem Beitrag EZA-Woche: MASCAO und die Menschen dahinter.
Zum Probieren: EZA-Woche, 9. bis 14. November
In der EZA-Woche gibt es bei uns alle MASCAO-Sorten um 5 % günstiger. Dazu gibt es eine Schokolade-Verkostung zu den Öffnungszeiten im Sunnseit Biomarkt Gmunden und im Weltladen Kirchdorf. Alle Preise findest du im EZA-Beitrag und auf der Seite Günstige Biomarktwoche.
Quellen
- Anti-Slavery International: Ending child trafficking in West Africa. Lessons from the Ivorian cocoa sector (P. Robson, 2010), Befragung von 133 jungen Menschen aus Mali und Burkina Faso
- Interpol: Traffickers arrested in Côte d’Ivoire operation targeting child trafficking and forced labour (2015); Scores of children rescued from organized slave labour in INTERPOL-led operation (Operation BIA, 2009), interpol.int
- Walk Free Foundation / Tulane University: Bitter Sweets. Prevalence of forced labour and child labour in the cocoa sectors of Côte d’Ivoire and Ghana (2018)
- INKOTA-netzwerk / Make Chocolate Fair: Pestizide im Kakaoanbau; Kinderarbeit im Kakaoanbau (makechocolatefair.org, abgerufen 01.11.2026)
- NORC at the University of Chicago: Assessing Progress in Reducing Child Labor in Cocoa Production in Cocoa Growing Areas of Côte d’Ivoire and Ghana, Final Report, 2020
- VOICE Network: Cocoa Barometer 2025 (A. C. Fountain, F. Huetz-Adams), voicenetwork.cc
- INKOTA-netzwerk: Info sheet „Pesticides in cocoa production“ (2023); Infoblatt Pestizide im Kakaoanbau (2024)
- Europäische Kommission / EFSA: Nichterneuerung der Genehmigung für Chlorpyrifos (Durchführungsverordnung (EU) 2020/18; EFSA-Stellungnahme 2019)
- University of Ghana: Pesticides Exposure in Individual Farmers from a Cocoa Growing Community – New Edubiase (ugspace.ug.edu.gh)
- University of Ghana: Pesticide Use and Pesticide Residues in Drinking Water, Soil and Cocoa Beans in the Dormaa West District of Ghana (ugspace.ug.edu.gh)
- wie 10 (Proben 2014/2015: Lindan, Aldrin, Dieldrin u. a. in Kakaobohnen, Boden und Wasser)
- Öko-Test: Zartbitterschokolade im Test, Magazin Dezember 2024 (oekotest.de/15047)
- EZA Fairer Handel: Fragen zu Kakao und Schokolade; Vorteile des Fairen Handels (eza.at, abgerufen 01.11.2026)
- EZA Fairer Handel: Partnerbeschreibung El Ceibo; Von WERTvollen Zutaten (eza.at)








